Ermittler

Nola

… Irische Musik brachte sie in Wallung, da musste Nola sich einfach bewegen. Vermutlich lag es in ihren Genen. Ihre Mutter, Sheila Enders, war in Belfast geboren, im katholischen Teil, ihr verdankte Nola ihr rotes Haar, die Sommersprossen und die seegrünen Augen, die Liebe zur Musik und vermutlich auch ihren Dickkopf. Und natürlich den Namen, Nola war die Abkürzung von Fionnuala. Sheila O’Kelly, wie sie damals noch hieß, war als Achtzehnjährige als Aupair nach Deutschland gekommen und innerhalb weniger Wochen schwanger geworden. Von wem wusste Nola nicht, ihre Mutter weigerte sich konsequent, über den Mann zu sprechen, der ihr Vater war. …

... Noch fühlte Nola sich wie ein Fremdkörper im Polizeipräsidium Leer. Zudem musste sie meistens mit Conrad Landau zusammenarbeiten, einem Kollegen, den sie genauso wenig mochte wie er sie. Die Abende verbrachte sie in der Regel allein und sie musste sich zwingen, nicht ständig an Hannover zu denken, ihre Stadt, in der sie geboren und aufgewachsen war, in der sie eine Stelle bei der Kripo gefunden und heimlich davon geträumt hatte, zum LKA zu wechseln, der Stadt, in der sie Rob van Heerden kennengelernt und geheiratet hatte und die plötzlich zu klein geworden war für sie und ihren spielsüchtigen Exmann. ...

Nola fuhr einen roten Mini.
„Meine Güte, macht die Kiste Geräusche“, lästerte Renke schon nach wenigen Metern. „Warum kaufst du dir kein vernünftiges Auto?“
 Sie warf ihm einen spöttischen Seitenblick zu. „Meinst du so was Langweiliges wie einen dunkelgrünen Audi? Das ist ein Wagen für alte Männer.“ 

 

Renke

… Seit er vor zweieinhalb Jahren die Revierleitung in Martinsfehn übernommen hatte, lief hier alles rund. Renke war hier aufgewachsen, als Sohn eines Postboten und der Gemeindeschwester. Jeder kannte und achtete ihn, in so einer ländlichen Gemeinde bedeutete das schon die halbe Miete. Zudem hatte er als Übungsleiter für Selbstverteidigungskurse eine weitere Möglichkeit gefunden, die Jugendlichen aus Martinsfehn zu erreichen. Dabei erschien es ihm besonders wichtig, nicht nur die Grundlagen verschiedener Kampfsportarten zu vermitteln, sondern auch das, was einen guten Kampfsportler ausmachte, nämlich Fairness, Disziplin und ein gutes Gefühl für den eigenen Körper. Wer mit sich selbst im Reinen war, brauchte nicht grundlos auf andere einzuprügeln. Aus dem Stegreif wären ihm vier oder fünf Heranwachsende eingefallen, die er im Training auf den richtigen Weg gebracht hatte. Die Mehrzahl der Kids in Martinsfehn respektierte ihn, viele mochten ihn sogar, aber sie alle wussten, wenn Nordmann richtig böse wurde, war der Spaß vorbei. …

 

Renke über Nola

… Die junge Frau zog die Kapuze über ihren Kopf, schaute sich kurz um, kam dann zielstrebig auf Renke zu und streckte ihm die Hand entgegen.

„Nola van Heerden, Kripo Leer. Was ist passiert?”

Die weiß, was sie will, dachte er sofort. Als Renke noch ein Junge war, gab es in seinem Elternhaus eine hellrote Katze. Obwohl sie erheblich kleiner war als alle anderen Katzen, ließ sie sich nichts gefallen, von keinem. Noch heute konnte er sich an viele blutige Kratzer erinnern. Und daran, wie es ihn immer gereizt hatte, gerade diese Katze zu streicheln, ihre Zuneigung zu gewinnen, was ihm letztendlich aber nicht gelungen war. Als er Nola van Heerden anschaute, musste er an genau diese Katze denken. …

 

Nola über Renke

… Von der Tür aus verfolgte Nola die Pressekonferenz. Neben ihr stand Kriminalhauptkommissar Robert Häuser, der Leiter des Ersten Fachkommissariats und damit ihr unmittelbarer Vorgesetzter.

„Kennst du schon Renke Nordmann? Er hat früher hier gearbeitet, im Ersten, ein guter Ermittler. Ich hab immer gedacht, dass Renke mal mein Nachfolger werden könnte. Aber vor zweieinhalb Jahren hat er sich entschlossen, aus privaten Gründen als Revierleiter nach Martinsfehn zu wechseln.“ Er hielt kurz inne, überlegte wohl, ob er weiterreden sollte, und entschied sich dafür. „Seine Frau ist damals gestorben und so konnte er sich besser um die Tochter kümmern.“

Ein Witwer also, ein gut aussehender, alleinerziehender Vater. Rein vom Aussehen könnte er ihr gefallen, ein großer, dunkelhaariger Mann mit einem Dreitagebart, das Deckhaar so lang, dass es ihm immer wieder in die Stirn fiel. Sie schätzte ihn auf Mitte bis Ende dreißig. Auf der anderen Seite trug er Uniform. Und obwohl Nola bei der Polizei war, fand sie Männer in Uniform nicht sonderlich aufregend. Vermutlich war sie deshalb zur Kripo gegangen, wo alle Zivil trugen. …